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Das überholte Bild von Arbeitszeit

April 1, 2017

Das überholte Bild von Arbeitszeit

Anwesenheitspflicht in Bürogebäuden – ein veraltetes Kontrollinstrument, das der Effizienz und den Familien schadet. 

Sie ist hochmotiviert, gut ausgebildet, visionär und weiß in ihrem Fach, wo es langgeht, besser als die meisten Männer in ihrer Abteilung und in höheren Führungsebenen. Doch Ellie Becker steckt in der Konzernwelt in den späten neunziger Jahren, und wären es die Zweitausender, wäre ihre Situation nicht wesentlich anders. Sie läuft immer wieder gegen Wände. Was sie aber letztendlich daran hindert, die Glasdecke zu durchbrechen, sind nicht nur die Spurrillen, in die man in dieser von Männern geprägten Welt hineingerät, sondern auch ihr schlichtes Frausein und ihre Sehnsucht nach einem stabilen Familienleben.

In meinem Roman „Nachklang“ beschreibe ich den Weg der fiktiven Ellie Becker über viele Jahre. In einer entscheidenden Lebensphase siegt ihre bindungssuchende Seite über ihren Drang nach Unabhängigkeit, die sie sich durch ihren Job erarbeiten wollte. Lange hält sie an dem Traum fest, nach der Geburt ihrer Kindern wieder in ihre Karriere zurückzukehren, doch schließlich kapituliert sie. Wie sollte sie auch einen Managementposten meistern, wenn es ihr nicht mal gelingt, zuhause eine krisenfeste Struktur zu schaffen? Ihr taktisch kluger, konzerngeprüfter Mann manövriert sie dorthin, wo er sie für seine eigenen Pläne braucht.

Die Mehrheit der Hochschulabsolventen in Deutschland ist weiblich, doch betrachtet man die Karrieresituation, schmilz der Frauenanteil je höher die Position und je größer das Unternehmen. Im Mittelstand dagegen ist die Frauenquote steigend, auch auf Führungsebene. Der Anteil von Frauen unter den Unternehmensgründern steigt jährlich und bewegt sich auf die 50%-Marke zu. Diese Statistiken zeigen wo die Krux liegt: in dem konservativen und familienfeindlichen Bild, wie Arbeitszeit auszusehen hat, das in Großunternehmen vorherrscht – immer vor Ort im Firmengebäude. Doch ist, was sich dort abspielt, wirklich so erfolgsentscheidend?

In zu vielen Meetings, in denen ich in meiner Laufbahn saß, ging es eher um den Ausbau von Positionen durch machtbewusstes Taktieren, als um das Bewegen von Projekten. Diese energieraubende Atmosphäre breitet sich häufig auch in den Büroräumen aus. Es gibt Angestellte, die nehmen Arbeit, die sie konzentriert verrichten wollen, lieber mit nach Hause. Da aber 40 Stunden in der Woche Anwesenheitspflicht herrscht, sitzen sie vorher ihre Zeit im Büro ab. Diese fehlende Flexibilität und Effizienz ist es, die das Angestelltenverhältnis zum Feind des Privatlebens macht. In der heutigen Zeit, in der wir alle Mittel haben, um Projekte aus vielerlei Lebenslagen heraus voranzubringen und mit einem Team zu kommunizieren, wirkt das Szenario, das sich in den Office-Trakten abspielt, überholt. Manchmal sogar hinderlich.

Als es Ellie schließlich gelingt, sich von den Erwartungen ihres Umfeldes zu befreien und wieder ihre eigenen Pläne zu machen, lässt sie sich keine Raum- und Zeitfesseln mehr anlegen. Sie stellt fest, dass selbst die Großunternehmen inzwischen vom Freigeist einer Generation abhängig sind, die nicht stoisch und häufig innovationsblind täglich ins gleiche Gebäude läuft und sich dort ins Bild einer lebensfernen Scheinwelt fügt.

Der Roman Nachklang ist erhältlich bei Amazon.

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