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Den Boden unter den eigenen Füßen verlassen

September 3, 2017

Den Boden unter den eigenen Füßen verlassen

Der Sommer und damit die Hauptferienzeit geht zu Ende. Ich bekomme Zuschriften von Leser/innen, die mein Buch mit im Urlaub hatten. Es gibt Fragen, Meinungen, Kommentare. Ich liebe diesen Austausch. Wer hat Nachklang gelesen und schreibt mir auch ein paar Zeilen dazu?

Eine Frage, die immer wieder kommt: ist das deine eigene Geschichte? Nein, mein Roman ist zwar durch Begegnungen inspiriert und birgt so manche eigene Emotion, aber Autobiographisches findet sich nur in einem geringen Anteil. Im Gegensatz zu meiner Protagonistin führe ich ein weitgehend selbstbestimmtes Leben. Abhängigkeit ist ein Albtraum für mich, und in diesen habe ich mich hineingedacht, um den Roman zu schreiben.

Das Thema der inneren Freiheit, der lebenslange Weg dorthin, ist mein Thema – das wird wohl auch in jedem meiner Blogbeiträge klar. Warum ist der Weg so lang? Kommt man überhaupt irgendwann an? Ich glaube nicht. Wir sind Wesen einer Evolution, die ein bestimmtes Ziel hat. Wir sind Teil einer Kultur, die ein bestimmtes Ziel hat. Wir sind Nutzer oder auch Opfer eines Systems. Trotzdem: Jede Generation trägt die Verantwortung, ihre eigenen Ziele zu definieren und den Lauf der Evolution entsprechend zu korrigieren.

Geschichten zu erzählen und sie zu lesen, zu hören oder im Filmformat anzuschauen, ist ein wichtiger Teil in diesem Prozess. Ich persönlich ziehe mehr Motivation zur Veränderung aus Romanen und Filmen als aus Ratgebern darüber, wie man Veränderungen angeht. Ich brenne für Geschichten, weil sie mich Dinge fühlen und begreifen lassen, die andere Menschen fühlen – weil sie mir quasi ein neues paar Augen schenken. Selbst eine Geschichte zu schreiben, vervielfacht diese Horizonterweiterung. Es kommt die Freiheit dazu, sie so zu gestalten, dass sie einem selbst Spaß macht, und dass sie zu einer bestimmten Einsicht führt.

Gestern habe ich ein Interview mit Salman Rushdie gelesen, in dem er eine Lanze bricht für das Medium Roman – häufig totgesagt, aber nicht totzukriegen. Warum? Es handelt sich doch um erfundene Geschichten, die oft die Realität unschön überzeichnen, Gefühle dramatisieren, Zusammenhänge konstruieren, Fantasie abbilden. Ich glaube, Romane sind Trittsteine auf dem Weg zur inneren Freiheit. Jede Geschichte, die uns erreicht, erreicht uns als Einladung, den Boden unter den eigenen Füßen zu verlassen.

Vielen Dank, liebe Leserinnen und Leser, für Euer Mitmachen bei meinem Projekt ❤️😊

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