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Ist Musik vergeigte Zeit?

July 27, 2017

Ist Musik vergeigte Zeit?

Seit ich denken kann, bekomme ich immer wieder mal zu hören, ich sei zu emotional für diese Welt. Was wohl stimmt. Emotion hat mich schon immer mehr interessiert als Logik, und ich kann das nicht gut verbergen. Vielfach hat man mir gesagt, dass ich so nicht weit komme. Berechtigterweise, denn wir alle bewegen uns in einem System relativ emotionsfreier Gesetze. Kommen Gefühle auf, dann droht das Chaos.

Meine Rettung in diesem unheimlichen, bodenlosen Raum der Emotion ist immer die Musik. Wenn ich Musik höre oder am Klavier sitze wird aus meiner Angst erst eine Melodie, dann eine große Freiheit im Kopf – das Leben besteht nur noch aus Wundern und Möglichkeiten. Keine starren Regeln mehr in Sicht. Das klingt, als wäre ich nicht sehr praktisch veranlagt. De facto bin ich aber gar nicht so schlecht darin, ein paar Gesetzen zu folgen, um im System zu überleben. Wer kann schon nur den Tag vergeigen?

In meinem Roman Nachklang habe ich einen Mann und eine Frau miteinander verheiratet, die in Sachen Emotionalität völlig gegensätzlich gepolt sind. Der Mann, Theo, sehnt sich zwar nach Gefühlstiefe, erlaubt sich aber selbst nicht, dieser Sehnsucht nachzuhängen, sondern bleibt in einer etablierten, gewinnorientieren Denkweise verhaftet. Die Frau, Ellie, verliert sich ständig im Chaos ihrer Gefühle. „Menschen wie du brauchen Menschen wie mich“, sagt Theo zu Ellie. Er bringt ihr bei, dass sie ihre Emotionen zügeln muss, wenn sie erfolgreich sein will.

Beide lieben Musik. Für Ellie ist sie eine Flucht vor den für sie unkalkulierbaren Erwartungen ihrer Umwelt. Sie spielt klassische Melodien auf dem Klavier, weil sie einer höheren Ordnung zugehörig scheinen, höher als die von Erfolgssucht geprägte Welt ihres Mannes. Für Theo ist die Musik eine Möglichkeit, Stress abzubauen. Er gerät zwar ins Träumen und wird nostalgisch wenn er Musik hört, doch vom nächsten logischen Schritt in seiner Planung hält ihn das nicht ab, nicht einmal als er schon todkrank ist.

„Musik will nur Musik sein“, sagt Ellies Klavierlehrer als sie als junges Mädchen mit dem Scheitern ihrer Eltern und mit ihrer Sehnsucht nach Anerkennung kämpft. Er will sie davon abhalten, die Musik zu gebrauchen, um ihr Leben erträglich zu machen und um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Er weiß, wie Sinn-gebend es ist, sich von Klang und Schönheit leiten zu lassen, und ihnen einfach Raum und Zeit zu geben. Nicht als Pause vom rationellen Denken, oder um mit Kunst zu punkten, sondern aus reiner Neugierde auf diese ungebändigte Energie. Letztlich macht nämlich alle Logik keinen Sinn, wenn wir unsere rein emotionalen Antriebskräfte ausblenden.

Dies zeigt sich schließlich auch in meinem Roman. Ellie lernt zwar, mehr ihren Verstand einzuschalten, bleibt aber mit ihren inneren Leitmotiven in Verbindung. Ihr Mann Theo geht den Weg der Ratio bis zu seinem bitteren Ende. Er glaubt, alles Wichtige zu regeln bevor er stirbt, doch im Grunde hat er, als er sich verabschiedet, alles Wichtige zerstört.

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