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Können wir reden?

December 18, 2017

Können wir reden?

In dieser Zeit, in der wir uns zum Weihnachtsfest mit Familie und Verwandschaft zusammen finden, kann ein einfaches menschliches Bedürfnis zur Quelle von Aufregung werden: das „Miteinander-Reden“.

„Wenn Du glaubst, erleuchtet zu sein, dann verbringe eine Woche mit deiner Familie“, ist die Weisheit, die momentan wieder die Runde macht. Sie steht nicht gerade für große Vorfreude auf das Fest mit den Lieben, sondern eher für die immer gleiche Erfahrung: Nirgendwo werden wir so schnurstracks aus den Höhen unserer Selbstverwirklichung auf den Boden geholt, wie innerhalb unserer Familie. Das liegt wohl daran, dass gerade die Familie ein festgefahrenes Bild von uns hat, ebenso wie von sich selbst, und leider auch kein großes Interesse daran besteht, dass wir uns von diesen Bildern weg entwickeln.

Neben den Bildern, die wir voneinander haben, sind es auch unsere Meinungen über brisante Themen, die zum Störfaktor des harmonischen Miteinanders werden können. Jeder kennt das Szenario: zwei gegensätzliche Standpunkte, ein plötzlicher Sturz der Stimmung ins Eisbad, aussichtslose Debatten und eine schwindende Hoffnung, dass man die Beteiligten versöhnen oder zumindest zum Schweigen bringen kann.

In meinem Roman „Nachklang“ finden sich ein paar Beispiele der Unfähigkeit von Familienmitgliedern, miteinander zu reden. Wie sie in Familienbetrieben zur Hölle werden kann, das zeigt sich in diesem Team-Meeting der Unternehmerfamilie Schmidt:

„Die junge Tina war viel zu beschäftigt damit, sich als Botschafterin der Kundenseite zu positionieren, um zu erspüren, dass die Schmidt-Brüder beide nur darauf warteten, jemandem am Tisch mit größtmöglichem Show-Effekt über den Mund zu fahren. Der erfahrene Herr Mang, seit zwölf Jahren im Betrieb, machte so wenig wie möglich auf sich aufmerksam und beschränkte sich aufs Antworten. Er wusste bereits, was Tina in der nächsten halben Stunde schmerzlich würde lernen müssen: dass es hier heute nicht um die Sache ging, sondern darum, welcher der Brüder als stärkere Autorität wahrgenommen wurde.“

Hier geht es nur noch um das Gewinnen eines Machtkampfs, der sich nicht selten ins Private zieht, wo er genau so sinnlos ist wie im Geschäftsleben.

Mein Lieblings-Essay über das „Miteinander-Reden“ stammt aus Erich Fromms Buch „Haben und Sein“, in dem er diese beiden Existenzweisen beschreibt und seine Hoffnung ausdrückt, dass früher oder später das Sein die Überhand über das Haben gewinnen wird. Im Falle der Kommunikation sieht das Haben so aus: „Keiner denkt daran, seine Meinung zu ändern oder erwartet, dass der Gegner dies tut. Sie fürchten sich davor, von ihrer Meinung zu lassen, da diese zu ihren Besitztümern zählt …“

Dagegen verhält sich nach Erich Fromm der „Seinsmensch“ so:

„Ein solcher Mensch vergisst sich selbst, sein Wissen, seine Position; sein Ich steht ihm nicht im Wege; und aus genau diesem Grund kann er sich voll auf den andern und dessen Ideen einstellen. Er gebiert neue Ideen, weil er nichts festzuhalten trachtet.“ … „Seine Lebendigkeit ist ansteckend und der andere kann dadurch häufig seine Egozentrik überwinden.“

Ich wünsche Euch eine schöne Woche in Vorfreude auf ein lebendiges Familienfest 😉

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