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Die Ruhe nach dem Wirbelwind

June 18, 2017

Die Ruhe nach dem Wirbelwind

Über zwanzig Jahre ist es her. Mein Mann und ich wollten Kinder haben. Kinder im Sinne von kleinen Gefährten. Dass sich diese irgendwann zu großen Leuten auswachsen und ein Eigenleben ohne uns leben würden, war nicht Teil des ursprünglichen Plans. Das Hinausziehen unserer Kinder in die Welt schien immer zu weit weg, bis genau zu dem Zeitpunkt, als es eine Realität war, quasi ohne Übergang.

Da war der Wirbel der ersten Jahre, wir beide immer leicht überwältigt, Chaos und Ordnung in fliegendem Wechsel. Dann die Zeit des pausenlosen Mitdenkens, Mitkämpfens, Mitzweifelns und Mitentscheidens mit den jungen Erwachsenen. Von da ging es geradewegs in die Stille einer Zweisamkeit, die von all dem abgeschnitten ist. Man kann sich darauf nicht vorbereiten, ebenso wenig wie man sich auf das Kinderhaben vorbereiten kann. Das klingt traurig, im Grunde ist es aber zauberhaft. Das Fliegen der Kinder aus dem Nest, räumlich wie emotional gesehen, ist so alt wie die Menschheit und entscheidend für deren Fortbestand. Erst soll man dem Spross Wurzeln geben, dann Flügel.

Vor einigen Wochen haben wir uns mit den 3 Kindern und ihren Partnern auf Mallorca getroffen. Alle kamen aus unterschiedlichen Richtungen angereist, die einen von einer Weltreise, die anderen direkt von der Arbeit. Bis kurz vorher war nicht klar gewesen, ob wir es alle schaffen würden. Doch – typisch für unsere Familie – aus dem Chaos wurde Ordnung. Der Wille war stark genug. Der Ort, an dem wir uns einfanden, ist voller Erinnerungen an die Zeiten, als die Kinder noch Kinder waren und die Eltern unverzichtbare Stützpunkte im Abenteuer: die alte, einsame Familien-Finca im Inneren der Insel.* Gleich ließen sich alle in diese vertraute Basis fallen, staunten wie die Palmen gewachsen waren, öffneten die Fensterläden, hingen ihre aktuellen Lebensthemen auf die Wäscheleine, damit sie dort mit denen der anderen Luft und Licht einfangen konnten.

Jedem war bewusst, dass die Zeit begrenzt sein würde, und es schien, als hätten nicht nur wir Eltern ein bisschen Angst vor dem Tag, an dem es uns wieder auseinanderwehen würde, sondern auch die Kinder. Nicht etwa, weil sie da draußen in der Welt nicht wunderbar alleine zurechtkämen. Eher weil wir so gerne miteinander aufstehen, Kaffee trinken, am Pool chillen, um die Klippen ziehen, Tapas essen, Rotwein trinken und dann Sinn und Unsinn reden, zum Beispiel darüber, wie sich die Weltlage lösen lässt (je mehr Cerveza desto einfacher scheint das). Alte Anekdoten werden wieder neu ausgeschmückt. Regelmäßig will einer den anderen aufziehen oder therapieren, am besten das eine mit dem anderen, so wie eh und je, und in dieser halbkomischen, halbernsten Vertrautheit fühlen sich die Kinder verwurzelt und die Schwiegerkinder inzwischen schon zu Hause – oder zumindest gut unterhalten.

Alle sind sich einig, dass wir viele glückliche Zeiten hatten. Diese Zeiten sind das, was uns zusammenhält, auch jetzt, da alle wieder losgeflogen sind, wir uns wieder auf vier Länder verteilt haben und nur noch Fotos und Zweizeiler austauschen. Solange wir weiterhin glückliche gemeinsame Erinnerungen sammeln, bleiben wir Eltern und Kinder.

Das autobiographische Schreiben ist bisher nicht auf meinem Programm. Aber wenn ich es eines Tages angreife, dann wird die Geschichte dort anfangen, wo wir Egers von der Finca auf Mallorca in verschiedene Richtungen aufbrechen. Ich bin sicher, dass es dem, was von hier an passiert, an Spannung nicht fehlen wird.

*Hier habe ich vor fast sechs Jahren mit dem Schreiben meines Romans “Nachklang” begonnen. Die Finca im Roman ist ein Spiegelbild des Familiendomizils auf Mallorca, das einzig autobiographische Element in der Geschichte.

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