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Die ganz normale Unfreiheit

March 8, 2017

Die ganz normale Unfreiheit

Jeder wird von seiner Familie beeinflusst. Jeder geht anders damit um.

Ein Kind wird vom Vater auf Musikwettbewerbe geschickt, um dort zu glänzen, und ihm damit zu helfen, seine Angst vor dem Scheitern zu lösen. Auf dem zweiten Platz zu landen heißt für ihn schon zu scheitern, weil jemand anderer besser ist. Das Mädchen übernimmt die Angst des Vaters, niemals gut genug zu sein, und wird sie nie wieder ganz los.

Ein erfolgreicher Unternehmer impft seinen Söhnen ein, dass das finanzielle Wohl der Firma über alles geht. Als Einzelherrscher an allen Fronten lebt er ihnen vor, dass die Familie hinten anstehen muss, und sät damit einen lebenslangen Unfrieden unter seinen Kindern, und obendrauf die Unfähigkeit, sich emotional zu binden.

Die Art wie Eltern ihre Kinder in ein Muster hinein erziehen hat in jeder Familie ganz eigene Auswüchse. Dies sind nur Beispiele aus meinem Familienroman „Nachklang“, der sich mit der Unfreiheit beschäftigt, die wir von unseren Eltern mit auf den Weg bekommen. Wenn es uns nicht gelingt, uns innerlich von unserer Herkunft zu lösen, dann kann sie eine lebenslange Herausforderung sein.

Vor einigen Jahren saß ich im Flugzeug auf einem Langstreckenflug von Frankfurt nach Vancouver neben einem kanadischen Filmregisseur und kam mit ihm ins Reden. Bringe deinen Nebensitzer dazu, seine Lebensgeschichte zu erzählen, und neuneinhalb Stunden vergehen wie im Flug. Der Kern seiner sehr facettenreichen Erfolgsgeschichte lag bei seiner Mutter, einer sehr klugen Frau, die ihm eines immer wieder einflößte, als er ein Kind und ein junger Mann war: „Ich liebe dich, egal was du tust, egal wer du später mal bist, selbst wenn du im Gefängnis landest. Du entkommst meiner Liebe nicht.“ Diese Botschaft öffnete dem Sohn den Blick in die endlosen Möglichkeiten seines Lebens.

Ich glaube durchaus, dass Eltern ihren Kindern Werte vermitteln sollten. Es muss Leitplanken geben und ein Vorleben der eigenen Überzeugungen. Aber das Kind wird ein übernommenes Verhalten niemals mit ganzer Leidenschaft leben. Es blüht nur auf, wenn es sein Glück und seine Werte in sich selbst findet. Ich bin sicher, dass nichts wichtiger ist, als ein Kind seine Freiheit und seine Eigenheit spüren zu lassen. Damit spürt es nämlich auch die Verantwortung, die es hat, seine ureigene Bestimmung zu finden.

Die Protagonistin in meinem Roman befreit sich schließlich von ihrer Konditionierung und damit auch von ihrer Angst, aber erst nach einer krisenreichen Zeit, in der sie fast ihre Identität verloren hat. Sie erkennt, dass sich Liebe nicht durch das Erfüllen von Erwartungen gewinnen lässt. Man treibt sich selbst nur immer tiefer in ein fremdes Leben hinein. In dem Moment, wo man sich frei macht, bleiben die Beziehungen übrig, die wirklich wertvoll sind.

Es gibt keine Abkürzung zu einem selbstbestimmten Leben, und es gibt keinen schnellen Ausweg aus Konflikten, die gelöst werden wollen. Der Einstimmungssatz zu meinem Roman ist eine Zusammenfassung dieser Erkenntnisse: “Freedom is a road, not an exit”.

Die ganz normale Unfreiheit in der Familie – wer schreibt mir dazu?
chat@karineger.com

One Comment on “Die ganz normale Unfreiheit

Dagmar Eger-Offel
April 1, 2017 at 2:06 pm

Liebe Karin,
“Du entkommst meiner Liebe nicht”, ist ein starkes Wort, ein heftiges Bild. Ich bin mir nicht sicher, ob die ganz normale Unfreiheit in der Familie da stärker ist, wo stark geliebt wird. Sie hat eine andere Form, wo nicht geliebt wird. Die Auflösung von identitätsstiftenden Konditionierungen ist der erwachsene Schmerz. Aber in jedem Fall gilt für mich: „Unsere Geschichte ist nicht unsere Geschichte. Es ist die Geschichte von uns mit unseren Familien, mit unserer Vergangenheit und mit unserer Zukunft. Wir tragen unsere Eltern und wir tragen die Zeit mit uns. Unsere Mütter, unsere Großmütter, sie sind immer dabei.“ (Zitat aus meinem Romanprojekt “Als würde alles nur so aussehen für die Kamera”).
Danke für deinen Roman.
Dagmar

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